Archiv für Januar 2005

Ehre, Freiheit, Vaterland

Jedermensch hat sie schon gesehen: junge Männer mit komischen Käppchen auf dem Kopf und bunten Bändern um den Hals stranguliert, die mit großen Fahnen durch die Stadt torkeln. Lustig anzuschauen, doch was steckt wirklich dahinter?
Auf einer einfachen Betrachtungsebene könnte man diese jungen Burschen ganz allgemein zu Verbindungs- oder Korporationsmitgliedern zählen. Verbindungen bzw. Korporationen bezeichnen eine Gemeinschaft von Studenten und berufstätigen Akademikern (alte Herren), deren Auftreten von Traditionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert geprägt ist. Die Mitglieder gehen dabei einen Lebensbund ein. Die Studenten werden, z.B. durch die Bereitstellung von günstigen Wohnräumen von den alten Herren unterstützt, um dann später einmal selbst in die Rolle dieser zu schlüpfen und neuen Mitgliedern zu helfen.
Je nach Radikalität und gemeinsamen Interessen bzw. Werten der Mitglieder kann mensch weiter nach Burschenschaften, Landsmannschaften, Corps, Turner- und Sängerschaften sowie christlichen Verbindungen differenzieren. Die Burschenschaften als radikalste Vertreter verstecken sich nur schlecht hinter dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Sie sind in dem Dachverband „Deutsche Burschenschaften“ organisiert und nehmen weder Ausländer, noch Frauen, Schwule oder Kriegsdienstverweigerer auf. Regelmäßig wird sich zum „Kommers“ getroffen. Dieser ist unter anderem durch scheinintellektuelle Lateinzitat-Gespräche (die praktischerweise auswendig zu lernen sind) und festgelegten Saufritualen (damit mann nicht zuviel beim Bierheben nachdenken muss) geprägt -nicht umsonst,- oder doch?- lässt sich die Göttinger Burschenschaft Holzminda von Einbecker sponsern. Beim Kommers wird immer eine feste Ordnung eingenommen: Als Leihbursche und Fux über Activita hat mann sich bis zum alten Herren hochzutrinken, so simulieren Burschenschafter auch gleich ihr angestrebtes berufliches rat-race weit entfernt von Schlagwörtern wie flache Hierachien, soft skills und team-Fähigkeit. Damit ist noch nicht Schluss mit abstrusen Bräuchen. Burschenschaften gehören zu den pflichtschlagenden Verbindungen, d.h. die Mitglieder müssen (!!) sich gegenseitig mit Säbeln verstümmeln, weil es sich früher schickte, durch das Duell besonders elegant aus dem Genpool entfernt zu werden, (-leider wird uns heute der Gefallen nicht mehr getan). Burschenschaften berufen sich auf die Urburschenschaft von 1815 und das Wartburgfest von 1817, wo antifeudale Maßnahmen wie Freiheit, Pressefreiheit und Schutz des Eigentums gefordert wurden. Diese demokratischen und sozialen Elemente wurden knapp 50 Jahre später mit den Füßen getreten, denn innerhalb kürzester Zeit wandelte sich die „Deutsche Burschenschaft“ zu einem der wichtigsten ideologischen Stützfeiler des Kaiserreiches und übernahm damit feudale und aristokratische Argumentationen. Von nun an widmete mann sich konservativen, nationalistischen, völkischen, antisemitischen und frankophoben Wertvorstellungen. Somit hat das Uniformgehabe, das Bier- und Fechtduellieren sowie die Etepetete-Etikette keine historischen Wurzeln , sondern kann auch im Sinne der Urburschenschaften als das angesehen werden was es ist: pseudo Männer-Rumgeplänkel und Rühren in abgestandenen braunen Soßen Klar, dass gerade Rechtsextreme wenig Probleme mit dem gebotenen Programm haben und so ist es nicht verwunderlich, dass einige Burschenschaften vom Verfassungsschutz beobachtet und immer wieder Verbindungen zwischen Burschenschaften und der Neonazi-Szene nachgewiesen werden.
Dieses reflektieren die Mitglieder leider oftmals nicht, sie sehen nur den Spaßfaktor und die Bestätigung sowie das Sicherheitsgefühl durch die Gruppe. Viele werden auch durch eine günstige Wohnmöglichkeit geködert und sehen nicht die Tragweite ihres Entschlusses.
Genügend Gründe Burschenschaften abzulehnen. Doch wie verhält es sich mit „liberalen“ Verbindungen, die vielleicht sogar Frauen aufnehmen und ohne Hierarchien arbeiten? Auch solche Verbindungen sollten den modernen aufgeklärten Menschen übel auf den Magen schlagen, weil Verbindung und liberal so gut zu einander passen wie Schoki zu Tomatensoße. Zu einer liberalen Sicht gehört u.A. Chancengleichheit und die ist krümmelig gehustet wenn Verbindungsmitglieder, egal welcher Couleur, um die Wette küngeln. „Zufall wird mit CV geschrieben“ sagte einst Theodor Heuss (CV = Cartellverband der katholisch deutschen Studentenverbindung). Es hat nichts mit Leistungsbewertung und Chancengleichheit zu tun, wenn Stellen nur auf Grund von Verbindungszugehörigkeit vergeben werden. Diese Möglichkeit z.B. nutzten und können nutzen: Edmund Stoiber, Roland Koch oder Jörg Haider.
Verbindungen waren früher eine Möglichkeit für studentisches Gemeinschaftsleben, sind aber mittlerweile überholt. Heute gibt es vielerlei Möglichkeiten für Studierende ihre Studienzeit und Freizeit zu gestalten, fern von Gruppenzwang und ohne Eingangsprüfung kann mensch in WGs wohnen, Unisport treiben und sich betrinken mit wem und wo er/sie will.
Wir finden es wichtig, dass Studierende über Verbindungen informiert werden. Insbesondere Erstis sollen im Erstsemstler-Infoheft aufgeklärt und vor allem vor den Burschenschaftengewarnt werden, damit sie nicht unbedarft in ihrUnglück stolpern. Bei der Wohnungsvermittlung des Studierendenwerkes soll ab sofort darauf hingewiesen werden, wenn die zu vermietenden Zimmer von Verbindungen gestellt werden. Außerdem werden wir uns dafür einsetzen, dass sämtliche Links auf der Website der Universität zu Verbindungen gelöscht werden. Mit der Herausgabe eines Inforeaders durch den AStA wollen wir die kritische Selbstreflexion der Verbindungsmitglieder fördern.
Durch das (oft leider unbewusste) Eingehen eines „Lebensbundes“ der Burschenschaftler bei Eintritt in die Verbindung stehen in vielen Verbindungen die Burschis unter psychischem Druck. Dieser macht kritische Töne schwierig, einen Ausstieg für Mitglieder fast unmöglich. Soll mensch diese in ihrem sozialen Gefängnis verhungern lassen? Nein, es wird Zeit, Zeit für ein Aussteigerprogramm für Burschis…