Wachstum!

Der Akku von meinem Handy hält neuerdings nur noch höchstens einen Tag. Es ist knapp drei Jahre alt. „Ja, das ist ja auch schon steinalt“, sagt mir der Mann im Handyladen. „Neuer Akku? Viel zu teuer, kaufen Sie sich doch einfach ein neues!“ Aber ich will kein neues. Mein Handy hat alles was ich brauche: Ich kann damit telefonieren, sms schreiben, es hat schon ein Farbdisplay und man kann damit Fotos machen. Spiele kann man darauf auch spielen, zwar keine besonders spannenden, aber das brauche ich eigentlich auch nicht. Also haben die neueren Handys nichts Neues, Tolles was mich besonders reizt.
Warum nun geht mein Handy nach drei Jahren normalem Gebrauch kaputt? So etwas nennt sich geplante Obsoleszenz. Es werden gezielt Produkte gebaut, die nach einer gewissen Zeit kaputt gehen. Ein berühmtes Beispiel dafür war die alte Glühbirne. Ganz früher hielt sie bis zu 2500 Stunden, vor dem Ersatz durch Energiesparbirnen nur noch 1000 Stunden. Sie war das erste Produkt, das gezielt auf eine kurze Lebensdauer getrimmt wurde. Die Absprachen dafür wurden bereits in den 20iger Jahren zwischen Osram, Tungsram, International General Electric und anderen Glühbirnenherstellern getroffen. Zur Lösung der Wirtschaftskrise 1929 schlug ein Immobilienmakler namens Bernard London aus New York vor, geplante Obsoleszenz für alle Produkte zur Pflicht zu machen, einen Artikel über das Verfallsdatum hinaus zu behalten, sollte strafbar werden. So sollte der Konsum und damit die Wirtschaft angekurbelt werden. Zu dieser Zeit ging man noch davon aus, dass die Ressourcen der Erde unerschöpflich seien, dennoch hat sich die USA damals gegen dieses Vorgehen entschieden.
Später brauchte die geplante Obsoleszenz nicht mehr im Geheimen abgesprochen oder gesetzlich verordnet zu werden, sie ergab sich quasi von selbst. Die Menschen wollten kaufen und wenn nicht, bekamen sie es eben durch die Werbung suggeriert. Der Wunsch, ein neues Produkt etwas eher zu besitzen, als es notwendig ist, oder auch es eher zu besitzen, als der_die Nachbar_in, führte zu immer kürzeren Gebrauchszeiten der Produkte. Das Aussehen eines Autos spielte plötzlich eine größere Rolle als seine Qualität. Und da man beim Kauf sowieso eher wenige Informationen über die Lebensdauer eines Produktes erhält, war lange Haltbarkeit kaum ein kaufentscheidendes Kriterium mehr.
Heute stehen besonders PC-Drucker und Handys unter dem Verdacht der geplanten Obsoleszenz. Dabei müssen die Produkte nicht unbedingt direkt nach Ablauf der Garantiezeit kaputt gehen; zum Beispiel bei Handys reicht es oft schon, dass ihre Hülle von schlechter Qualität ist und darum nach einer gewissen Zeit so abgegriffen aussieht dass der_die Besitzer_in meint, ein neues Handy zu brauchen. Aber der Wirtschaft tut das ganze natürlich gut. Was wiederholen alle Wirtschaftsweisen dieser Welt immer wieder wie ein Mantra? „Wir brauchen Wachstum!“ „Die Menschen müssen konsumieren! So kann die Wirtschaft wachsen und das schafft Arbeitsplätze.“
Volkswagen braucht allein 7% Wachstum jedes Jahr, nur so kann der Standpunkt Deutschland gehalten werden. Wie soll das denn gehen, dass der Gewinn von Volkswagen über mehrere Jahre gleich bleibt? Die Aktionäre würden doch im Dreieck springen und die Verlegung der Produktion in billigere Länder fordern! Das würde dann vielleicht nicht den Absatz steigern, aber zumindest die Produktionskosten senken, und so den Gewinn erhöhen. Wenn wir also nicht wollen, dass die Löhne der VW-Mitarbeiter_innen sinken oder sie gar ihre Arbeitsplätze verlieren, müssen wir jedes Jahr 7% mehr Autos kaufen oder zumindest dafür sorgen, dass VW jedes Jahr 7% mehr Autos exportieren kann. Kaufen, kaufen, kaufen! Immer das neueste Handy, den neuesten Laptop, den neusten iPod und die neueste Mode. Damit die Wirtschaft am Laufen bleibt.
Bitte niemals alte Sachen noch einmal verwenden oder schnelllebige Produkte länger nutzen als die vorgesehene Lebensdauer. Auch wenn wir durch Konsum nicht glücklicher werden, so sichern wir zumindest das Überleben der Weltwirtschaft. Und die Ressourcen dieser Erde? Nunja, das ist ein Problem… aber schau mal hier, da gibt’s ein neues iPhone!

Auf dem Grabstein des Kapitalismus wird stehen: „Zuviel war nicht genug.“

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