Der Gott des Konsums

Werbung an der Uni

Im Dezember konnte ich nur schwer in der Z-Mensa essen. Bevor ich die Schwelle in das Studentenwerk überhaupt überschreiten konnte, verging mir gehörig der Appetit und ich war gezwungen mein Essen mit leichtem Ekel und kalter Wut hinunter zu würgen. Grund war das übergroße I-Tüpfelchen einer seit langem schleichenden Entwicklung, die einem den Aufenthalt auf dem Zentralcampus immer mehr verleidet. Dieses Tüpfelchen hörte auf den missklingenden Namen „Nerd Garage“ und schien bei den meisten Mensabesucher*innen gar nicht so schlecht anzukommen: Wow, cool. Kostenlose Excel-Kurse! Und bei nem Kaffe gemütlich abchillen mit den netten Jungs und Mädels von Microsoft. Da wird doch gerne mal reingeschaut!

Angebote über Angebote…

Ich finde das nicht cool, ich finde das sogar richtig fürchterlich. Warum zum Teufel hat Microsoft sein eigenes privates Werbebüro vor einer öffentlichen Bildungseinrichtung? Gerade Microsoft, der internationale Ellbogen-Konzern, der eh mit dreisten Mitteln lange alle Bereiche des Computerlebens eines durchschnittlichen Studis erfolgreich infiltriert hat. Schon Wochen vorher wurden so genannte „Nerd-o-maten“ im Foyer der Z-Mensa aufgestellt, an denen sich der*die konsumfreudige Student*in über die sagenhafte Produktpalette informieren konnte. Seinen Kaffee bekam man dann in allen Cafés des Studiwerks in Nerdbechern serviert. Offensichtlich hat Microsoft tiefer in die Tasche gegriffen als O2. Jeder darf ja mal.
Die Liste lässt sich leicht fortsetzen: Die Bahn wirbt mit großen Plakaten im VG, die Presse und das Deutschlandradio finden sich gerne mal im Café Zentral ein, während jedermensch seine Werbung auch über die diversen Bildschirme laufen lassen kann. Die Almaxx-Menschen sind ohnehin omnipräsent und gehören quasi schon zur Kulisse. „Die neusten Rabatte und Abos – und nur für Studenten!“ Da greift mensch doch gerne zu… Abgerundet wird dies alle paar Monate durch ein schaurig-morbides Finale, wenn fleißige Menschen Kisten um Kisten in das Foyer tragen und dann anfangen ein wahres Füllhorn an Werbegeschenken an die begeisterte Masse auszuschütten. „Wundertüte“ nennt sich das: Nach Geschlecht getrennt (die Bedürfnisse gehen hier ja weit auseinander!) stellen sich die Studis an, um eine große, bunte Einkaufstüte entgegenzunehmen, die vollgepackt mit Gratisproben und Werbeflyern großer Konzerne ist. Und was es da nicht alles gibt: Kosmetika, Gutscheine, Deodorants, Rasierer, Tütensuppen, Schlüsselanhänger, Kugelschreiber, Notizblöcke und Dosen mit einer synthetischen Zucker-Koffein-Pampe, mit einem roten Bullen drauf (letztere auch gerne „mal so“ mit ihrem Red-Bull-Auto am Campus unterwegs). Nach zwei Stunden ist der Spuk schon wieder vorbei. Nur die Berge von Kartons, Tüten und unwirsch entsorgten Flyern, die sich im ganzen ZHG wiederfinden lassen, zeugen noch von dem Konsumentenfeuerwerk, das extra für die Studis abgebrannt wurde. Mit freundlicher Unterstützung euer Hochschule.

Studies sollen und müssen konsumieren

Ja, es geht heiß her auf dem Marktplatz Universität. Die Studierenden sind eine umkämpfte Zielgruppe, da sie – so das Klischee – gerne den letzten Schrott kaufen. Den elterlichen Verboten und Mahnungen entwachsen, will die neue Freiheit ja auch genossen werden! Mal ehrlich, kotzt es euch nicht an? Beleidigt das nicht die Intelligenz eines jeden Menschen, der sich ein bisschen mehr vom Leben verspricht als den endlosen Konsumkick? Sind wir wirklich nicht mehr als gierige, hedonistische Egomanen, die ihr BAföG für irgendeine überteuerte Microsoftlizenz zum Fenster rauswerfen? Von Wegen Elite. Ein Überangebot an elitären Akademiker*innen ist schon ein begrifflicher Widerspruch und war auch nie beabsichtigt. Die angehenden Berufseinsteiger*innen werden vor allem als Konsumenten benötigt und sie sollen an der Uni alles lernen, nur nicht, über den ganzen Kram, der gekauft werden muss, kritisch zu reflektieren. Der soziale Druck besorgt das Übrige. An vielen Fakultäten gehört ein gewisser markenmodischer Look und der Besitz des neuesten Smartphones dazu, um wirklich dabei zu sein. Es ist wie in der Schule: Zwar steht keine*r mehr heulend am Rande des Pausenhofs, weil er oder sie die ärmsten Eltern und damit den uncoolsten Besitz hat, aber wer will schon konsumtechnisch hinten anstehen? Besitz ist Status. Junge Menschen lassen sich leicht manipulieren. Die Rechnung ist einfach.

Die Uni-Leitung mischt mit

Ein kleiner polemischer Seitenhieb… doch kein ganz abwegiger. Die schrille, poppige Werbekultur unserer Zeit macht schon längst nicht mehr vor öffentlichen Bildungseinrichtungen halt und ist auch schon seit Jahren vertraglich an der Uni Göttingen verankert. Die Universität kümmert sich nicht mehr selbst darum, sondern hat diese Aufgabe an die Deutsche Hochschulwerbung weitergereicht, die sich auf gezieltes Marketing an Universitäten spezialisiert hat. Sie übernehmen auch die Personalrekrutierung vieler Konzerne an der Uni und werben auf ihrer Website damit, Partner von Eliteuniversitäten zu sein. Es ist ein großes Geschäft und an der Fütterung der Studierenden mit Werbematerial kann jede*r ein bisschen mitverdienen. Dies dürfte der Hauptgrund sein, warum mensch bei Nachfragen an die Unileitung bezüglich dieses Themas auf Granit beißt.

Was ist die Uni?

Nun könnte mensch an dieser Stelle fragen: Und, ist das denn schlecht? Sind wir nicht mündig und frei in unserem Konsumverhalten? Oh ja, natürlich sind alle frei. Und wer die zurzeit modernen Prämissen bezüglich der Aufgabe einer Universität akzeptiert, darf sich in der Tat nicht daran stören. Wenn die Universität ein reiner Ausbildungsbetrieb ist, dessen Hauptaufgabe es ist, von der Wirtschaft nachgefragte ziel- und zweckorientierte Ausbildungen zu liefern, ist die Werbung ok. Die Financiers der Uni (ja, diverse Vertreter der Wirtschaft sitzen im Stiftungsrat, der großen Einfluss auf Entscheidungen der universitären Selbstverwaltung besitzt) haben natürlich ein elementares Interesse daran, ihre Kunden zu bewerben.
Es gab allerdings auch mal ein anderes Bildungsideal, nämlich das von Humboldt, das heutzutage aber immer mehr aus der Mode kommt. Wenn Bildung ein öffentliches Gut ist und eine Hauptaufgabe der Gesellschaft die Bildung ihrer Mitglieder ist, dann ist Werbung an der Uni überhaupt nicht ok, und zwar aus dem selben Grund warum wir keine Werbung an Schulen, Krankenhäusern oder Altenheimen wollen. Bildung ist ein Stück weit Selbstzweck. Und ein öffentlicher Raum der Bildung sollte nicht für die privaten, kapitalen Interessen der ohnehin schon zu einflussreichen Wirtschaft funktionalisiert werden.

Und was taten die ASten?

Eigentlich sollte es die Aufgabe einer Studierendenvertretung sein, einer solchen Tendenz des universitären Selbstverständnisses entgegenzutreten. Doch passierte in Göttingen in den letzten 10 Jahren unter den rechten ADF/RCDS ASten fatalerweise das Gegenteil. Anstatt Kritik zu üben, stieg man lieber in den Zirkus mit ein, indem man eine entpolitisierte und konsum- und spaßorientierte Studentenkultur nachdrücklich förderte. Der RCDS tat dies aus rechter Ideologie heraus. Die ADF aus Ideenlosigkeit. Was bleibt einer unpolitischen Hochschulgruppe auch anderes übrig? Wenn Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zum Tabu erklärt wird, muss mensch sich eben in diese einfügen. Dann passiert im Lebensdreieck der Studis, die vom heimischen Laptop zur Vorlesung/Prüfung hetzt, um sich dann am Wochenende im Alkoholrausch gehen zu lassen, auch nichts mehr Relevantes. Was bleibt ist die immerwährende Selbstbespaßung mit den vielen käuflich erwerbbaren Glücklichmachern, die einem die Tristesse des Alltags vergessen lassen. Folgerichtig konnten die Gelder der Studierenden dann auch nur für spaßorientierte Großprojekte ausgegeben werden: WM-Partys, Pokerturniere oder einfach nur der Erwerb eines zentnerschweren und mehrere tausend Euro teuren Riesenplakats mit dem in einer spaßigen Studierendenaktion das VG eingewickelt wurde (cool, witzig… hahaha). Konsum ist doch einfach geil. Oder obszön. Je nach Standpunkt.

Soll das unser Leben sein?

Es ist eine Möglichkeit, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden. Eine Antwort auf das Streben nach Glück. Natürlich muss diese Entscheidung am Ende jede*r selbst treffen. Doch viele Menschen, die dieser Gesellschaft ohnehin schon kritisch gegenüber stehen, werden sich mit der Annahme der obigen „Lösung“ schwer tun. Ich bin der Meinung, dass dieser Weg in die Irre führt. Der Gedanke an ein Leben, das aus hektischer Betriebsamkeit einerseits und spaßigen Ausflippen andererseits bestehen soll, macht mich müde und traurig. Das Ziel einer solchen Lebensweise ist der immerwährende Ankauf von neuen Besitztümern, das Ausgeben des Geldes, welches mensch hart erarbeitet. Für jedes alltägliche Bedürfnis gibt es eine Lösung. Für jede Lösung drei neue Produkte, die noch mehr Effizienz und Befriedigung versprechen – bis vier Monate danach eine neue Technologie entwickelt wird, die das gerade eben gekaufte wieder obsolet macht. Ist das echte Lebensqualität? Wir müssen jetzt gar nicht über ökonomische Zusammenhänge und ökologische Auswirkungen dieses Lebensprinzips reden. Unabhängig hiervon steckt hinter dieser glitzernden Fassade gar nichts mehr, außer dumpfer Rastlosigkeit und einer chronisch unterdrückten Sinnfrage.

We want change!

Um den Bogen zur Ausgangsfrage zu nehmen: Macht uns unser Studierendenleben hier glücklich? Finden wir es schön, von der Uni mit immer weiteren Konsumtipps und Anreizen gefüttert zu werden? Wir können hierhinter zwei dicke Neins setzen. Es ist höchste Zeit dieser Ausuferung entgegenzutreten und über grundsätzliche Verhaltensweisen nachzudenken. Die verfasste Studierendenschaft sollte sich endlich gegen die Vereinnahmung des Universitätsraums durch kapitale Interessen wehren. Der neue linke AStA hat mit seiner kritischen Politik und Kulturarbeit schon gute Ansätze geliefert, die unbedingt fortgeführt werden müssen. Nur so kann es langfristig ein selbstbestimmtes, reiches und diverses Studierendenleben auf dem Campus geben.

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